Preisträger 2017: Peter Sloterdijk

Als zweiter Preisträger 2017 wurde Peter Sloterdijk, Karlsruher Philosoph und Schriftsteller, gekürt.

Das Kuratorium, dem eine von der Helmuth Plessner Gesellschaft beratende und vorgeschlagene Liste von drei Kandidat/-innen vorlag, hat sich nach intensiver Diskussion am 04.03.2017 mit Mehrheit für Peter Sloterdijk entschieden. Die Begründung in der Pressemitteilung der Stadt Wiesbaden lautet: Mit Peter Sloterdijk wird einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsphilosophen und Kulturwissenschaftler geehrt. Er studierte in München und an der Universität Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. Sein 1983 im Suhrkamp Verlag erschienenes Werk „Kritik der zynischen Vernunft“ zählt zu den meistverkauften philosophischen Büchern des 20. Jahrhunderts. Neben seinem umfangreichen schriftstellerischen Wirken war Peter Sloterdijk in den vergangenen Jahrzehnten an zahlreichen Hochschulen im In- und Ausland als Professor und Dozent für Philosophie tätig.

Sloterdijks Werk wird in der Theorieöffentlichkeit als originärer Beitrag zur „philosophischen Anthropologie“ verstanden und europaweit rezipiert. „Sloterdijk gilt außerhalb der deutschen Grenze als einer der Vertreter und Erbe der philosophischen Anthropologie, weil er gegen die Anti-Anthropologie Heideggers Stellung bezogen hat.“ (Marco Russo). Diese „anthropologische Aufklärung“ der ‚conditio humana‘ findet sich bereits im ersten, im grundlegenden Band der „Sphären-Trilogie“ (Sloterdijks bisheriges Hauptwerk 1998-2004), in der von vorherein von der Mitwelt als menschenbildender Konstellation ausgegangen wird: das menschliche Lebewesen als „duales Wesen“ in der vorsprachlich-dialogischen Ich-Du-Beziehung zwischen Fötus und Mutter, im Mutter-Kind-Raum. In der Fortführung hat Sloterdijk in der Abhandlung „Menschentreibhaus“ (2001) eine systematische „anthropologische Aufklärung“ der conditio humana unternommen – in expliziter Abgrenzung vom Darwinismus einerseits, vom Kulturalismus andererseits.

Er arbeitet ein Geflecht von vier Mechanismen der „Anthropogenese“ im Lebens-Feld heraus, um den Übergang der Primaten zum Menschen phylo- und ontogenetisch zu rekonstruieren: Den Mechanismus der „Insulation“ von Primatengruppen mit der Schaffung einer spezifischen Mitwelt (eines sozialen Binnenklimaraums); den Mechanismus der „Körperausschaltung“ mit der Entfaltung des Werfens als „Distanztechnik“ zur Natur; den Mechanismus der „Pädomorphose bzw. Neotonie“ mit der Verlängerung und Erhaltung der „Infantilität“ in der Menschengestalt; den Mechanismus der „Übertragung“, in der durch die sprachlichen Metaphern aus der Vertrautheitszone die „Weltoffenheit“ Schritt für Schritt erschlossen wird.

Theoriesystematisch und methodisch handelt sich um eine parallele Struktur zu Plessners Vorgehen in dessen großer Abhandlung „Die Frage nach der conditio humana“ (1960), in der er die „Stufen“ von 1928 modifizierte und reformulierte (dabei am Kern festhaltend). Plessner ging es hier darum, im Kontakt mit der biologischen und vor allem der anthropologischen Forschung die Bedingungen der Möglichkeit des Menschen in der Naturgeschichte, im Tier-Übergangsfeld aufzuklären: die mit dem „menschlichen Bauplan“ mitgegebenen Mechanismen der „Imitation und Reziprozität“, der „Verdinglichung“ des eigenen Körpers und der „Verdrängung“ seiner Triebimpulse, der Sprache als „Überhöhung des Auge-Hand-Feldes“, der Grenz-Regulierung des „Welt-Umweltverhältnisses“. Interessant ist, dass Sloterdijk seine Konstellationsanalyse der conditio humana unter Einbeziehung von Paul Alsberg, Louis Bolk, Adolf Portmann und Dieter Claessens entwickelt, also genau in dem philosophisch-anthroposoziologischen Netzwerk, innerhalb dessen Plessner und Scheler die Hauptprotagonisten sind.

„Peter Sloterdijk mit dem Helmuth Plessner-Preis auszuzeichnen, ist für die Landes-hauptstadt Wiesbaden eine große Ehre“, freut sich Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz, die dem Kuratorium zur Vergabe des Preises vorstand. „Mit seinen Beiträgen und Büchern hat Peter Sloterdijk in Deutschland – und darüber hinaus – zahlreiche Debatten ausgelöst und Denk-Impulse in weite Teile unserer Gesellschaft gegeben“, betont sie.

Die Preisverleihung findet am 04.09.2017, dem 125. Geburtstag von Helmuth Plessner, im Wiesbadener Rathaus im Rahmen eines Festaktes statt.

Laudatio von Wolfgang Eßbach am 04.09.2017
Dankesrede von Peter Sloterdijk am 04.09.2017 (gekürzte Fassung im ›Tagesspiegel‹ vom 19.09.2017)

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