Philosophische Anthropologie
Leben als „Grenzleistung“: Plessners Biophilosophie
Helmuth Plessner prägte die Definition des Lebens als „Grenzleistung“. In seiner Biophilosophie von 1928 zeigt er, wie die Zellmembran ein belebtes Ding in einer unbelebten Umwelt definiert. Diese „Grenze“ öffnet das Lebendige spezifisch nach innen und außen. Sie lässt die Umwelt in der Zelle erscheinen und die Zelle in ihrer Umwelt.
Plessner entwickelte von dieser Perspektive aus die philosophische Anthropologie. In Die Stufen des Organischen und der Mensch beschreibt er den Menschen als Lebewesen, das durch seine exzentrische Positionalität charakterisiert ist. Der Mensch befindet sich innerhalb seiner Leibgrenzen und seiner Umwelt, ist jedoch gleichzeitig weltgeöffnet. Von diesem exzentrischen Punkt aus zieht er künstliche Grenzen, die er auch verkörpert. Plessner überprüft diese These an Gesellschaft, Geschichte, Politik, Kunst und Sprache sowie an der körperlichen Expressivität.
Grenzproblematik in Gesellschaft und Kultur
In seiner Sozialphilosophie untersucht Plessner, wie Menschen mit ihrer prekären Grenzlage umgehen. Sie sind einerseits dem eigenen Innenleben ausgesetzt und andererseits den Blicken anderer preisgegeben. Die gesellschaftliche Lösung besteht darin, Masken zuzulassen, die eine öffentliche Sphäre schaffen. Diese Sphäre wird durch Takt und Taktik geprägt, wie Plessner in Die Grenzen der Gemeinschaft (1924) beschreibt.
In seiner politischen Anthropologie (Macht und menschliche Natur, 1931) zeigt Plessner, wie Kulturen künstliche Horizonte schaffen, um Vertrautheit zu erzeugen. Diese Horizonte dienen dazu, Fremdheitszonen abzugrenzen und ein gemeinsames politisches Verständnis zu etablieren. Gleichzeitig verdecken Kulturen durch ihre künstliche Vermittlung das unmittelbare Wesen des Menschen. Diese „Selbstverborgenheit“ ist jedoch auch ein Ausdruck menschlicher Offenheit.
Der Mensch zwischen Konstruktion und Ausdruck
Plessner widmet sich auch der Grenzproblematik in der Sinneswahrnehmung. Seine Ästhesiologie des Geistes (1923) und Anthropologie der Sinne (1970) untersuchen, wie Sinne für die Weltorientierung des Menschen arbeiten. Der Mensch balanciert zwischen Geist und Körper. Seine Sinne ermöglichen Selbstkontakt, objektive Distanz und resonante Verbundenheit.
Die exzentrische Positionalität führt den Menschen zu Abstraktion und Sinnlichkeit. Er zwingt seine Sinne zu Mehrleistungen, etwa in Geometrie, Kunst und Musik. Gleichzeitig bleibt er gezwungen, eine künstliche Einheit der Sinne zu schaffen. Die Sprache bildet hier eine prekäre Mitte zwischen distanzierter Darstellung und Ausdruck.
Lachen und Weinen: Anthropologie der Subjektdimension
In Lachen und Weinen (1941) beschreibt Plessner menschliche Verhaltensweisen, die auf Grenzsituationen reagieren. Lachen und Weinen zeigen, wie der Körper in Krisen des Geistes die Daseinsbewältigung übernimmt. Sie sind Ausdruck einer gebrochenen, aber nicht aufgespaltenen Einheit von Körper und Geist.
Das Lächeln stellt eine subtilere Form dar. Es zeigt einen Abstand im Ausdruck, der weder in Krisenhaftigkeit noch in vollständiger Klarheit verhaftet ist.
Kultur und Kritik: Der Mythos des deutschen Geistes
Plessner analysiert in Die verspätete Nation (1935/1959) die spezifische Struktur des deutschen „bürgerlichen Geistes“. Dieser betont Innerlichkeit gegenüber dem Politischen. Diese Haltung führte zur Erwartung, dass Philosophie innere Widersprüche aufheben und das Beste im Menschen fördern könne. Dennoch verfehlte dieser Geist oft die Balance in öffentlichen Angelegenheiten.
Die philosophische Urteilskraft
Plessners Arbeit orientiert sich an einem Begriff der Philosophie, der sich nicht auf reine Vernunft oder praktische Tat beschränkt. Stattdessen betont er die „philosophische Urteilskraft“ (Krisis der transzendentalen Wahrheit, 1918; Philosophische Urteilskraft, 1920). Diese agiert auf der Grenze zwischen Innen und Außen und lehrt Skepsis als Teil der menschlichen Würde.