Preisträger 2020: Onora O’Neill

Onora O’Neill: Dritte Preisträgerin des Helmuth-Plessner-Preises

Im Jahr 2020 wurde Onora O’Neill, britische Philosophin und Mitglied des House of Lords, zur dritten Preisträgerin des Helmuth-Plessner-Preises gekürt. Aufgrund der Corona-Pandemie fand die Preisverleihung erst im März 2021 statt.


Eine bedeutende Gestalt der internationalen Philosophie

Onora O’Neill zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten der Gegenwartsphilosophie. Nach ihrer Promotion bei John Rawls erlangte sie internationale Anerkennung als Kant-Forscherin. Ihr Buch Constructions of Reason (1989) gilt als Meilenstein für das Verständnis der praktischen Philosophie. Darin betont sie den politischen Charakter der praktischen Vernunft und die Bedeutung des öffentlichen Vernunftgebrauchs.

In ihrem Werk Towards Justice and Virtue (1996) spricht sie sich gegen verkürzende Ansätze der politischen Philosophie aus, einschließlich der ihres Lehrers Rawls. Später hob sie in Autonomy and Trust in Bioethics (2002) die zentrale Rolle von Vertrauen in politischen und ethischen Zusammenhängen hervor. In den letzten Jahren richtete sie ihr Augenmerk verstärkt auf die Herausforderungen der Demokratie in der digitalen Welt.


Philosophie als politische Praxis

O’Neills Philosophie zeichnet sich durch ihre politische Dimension aus. Als Mitglied des House of Lords und ehemalige Präsidentin der Britischen Akademie nahm sie aktiv an politischen Diskussionen teil. Sie engagierte sich in zahlreichen Kommissionen und erhielt viele Auszeichnungen. Besonders hervorzuheben ist ihre Arbeit als Co-Vorsitzende der ALLEA-Arbeitsgruppe Truth, Trust and Expertise, in der sie sich mit der Erosion von Wahrheit und Vertrauen in der digitalen Ära befasst.

Mit ihrer intensiven Kenntnis der deutschen philosophischen Tradition und ihrer fließenden Deutschkenntnisse pflegte O’Neill enge Verbindungen zum deutschsprachigen Raum. Dadurch trug sie zur internationalen Vernetzung philosophischer Debatten bei.


Verbindungen zu Helmuth Plessner

Obwohl O’Neill keine direkte Plessner-Forscherin ist, bietet ihr Werk viele Anknüpfungspunkte an die Philosophische Anthropologie Plessners. Besonders ihre Kant-Forschung und systematischen Arbeiten spiegeln zentrale Themen Plessners wider. Sie betont methodische Probleme des ethischen Urteilens und die Bedeutung der Situiertheit der Urteilenden.

O’Neill hebt hervor, dass Vertrauen für das menschliche Zusammenleben unverzichtbar ist. Sie kritisiert die Illusion, Interaktionen könnten allein durch Kodifizierung und Qualitätsmanagement perfektioniert werden. Stattdessen betont sie die imperfekte Natur gemeinsamen Handelns und die Unverfügbarkeit, die menschliches Handeln stets begleitet.


Bedeutung für die Philosophische Anthropologie

O’Neills Philosophie bietet wertvolle Impulse für zukünftige Diskussionen in der Tradition Plessners. Ihre Analysen zu Vertrauen, Verantwortung und Ethik tragen dazu bei, zentrale Fragen der philosophischen Anthropologie weiterzuentwickeln. Damit zählt sie zu den bedeutendsten Stimmen der Gegenwartsphilosophie.

Pressemitteilung der Stadt Wiesbaden vom März 2020
Pressemitteilung der Stadt Wiesbaden vom März 2021
Informationen der Stadt Wiesbaden zum Preis und zur Preisträgerin

Die Feierstunde der Stadt Wiesbaden aus Anlass der Verleihung des Preises hat am 23. März 2021 stattgefunden. Coronabedingt waren Preisträgerin und Laudator zugeschaltet, und die Veranstaltung wurde live in Youtube gestreamt und ist dort abrufbar.

Das Grußwort der Helmuth-Plessner-Gesellschaft finden Sie hier
Die Laudatio von Prof. Dr. Hans-Peter Krüger finden Sie hier

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